Montag, 19. August 2013

Zwischen den Stühlen

Ich kann es gar nicht oft genug schreiben: egal, was in den Nachrichten gezeigt wird, hier wo ich wohne, ist alles ruhig und geht seinen normalen Gang. Das Problem momentan ist, dass keiner weiß, wie's weiter geht. Die Schule verhält sich so, als würde sie am 1.9. tatsächlich ihre Pforten für die Schüler öffnen, die Medien lassen einen nahenden Bürgerkrieg erahnen und keiner weiß, was nun tatsächlich passiert. Das macht das Einleben im neuen Land ein bisschen schwer. Das Vorhaben einen Drucker zu kaufen, wird jetzt also verschoben, nicht nur, weil die Bankautomaten in den letzten Tagen leer waren, sondern, weil ich nicht sinnlos Geld ausgeben möchte, falls doch alles anders kommt, als ich es mir momentan noch erhoffe.

Nun gehöre ich aber wahrscheinlich noch zu den sehr optimistischen "Neuen". Andere überlegen, ob sie erstmal zurück nach Deutschland fliegen und dann zurückkommen, wenn die Schule tatsächlich startet und/oder es ein paar Tage ruhig war. Was ich nicht wirklich verstehen kann. Schon gar nicht, wenn man auch hier wohnt. Eine Familie beispielsweise lebt nicht weit von hier, in einem riesigen Haus, großem Garten und Pool, in dem die Mädchen den ganzen Tag planschen. Es gibt Lebensmittel zu kaufen, man kann auch nach der Ausgangssperre raus. Den Stress des Kofferpackens, nach Kairo fahren und zu fliegen, würde ich mir ehrlich gesagt nicht antun. Einen anderen Kollegen, dessen Familie noch in Deutschland ist, kann ich tatsächlich verstehen. Der will halt einfach nur bei seiner Familie sein. Schlussendlich muss das jeder für sich entscheiden. Doof nur, dass die Zfa, die für die anderen Neuankömmlinge Ausreiseverbot verhängt hat, sich um uns überhaupt nicht mehr kümmert. Da kam bisher keine einzige Nachricht, in der vielleicht mal nachgefragt wird, wie's einem geht oder wie der Plan aussieht, wenn sich die Situation tatsächlich verschlimmern sollte. Da tun sie sich gerade nicht sehr hervor. Gerade für die, die hier noch keinen Anschluss gefunden haben, ist das im Zweifelsfall noch schlimmer. 

Da bin ich jeden Tag dankbar dafür, dass ich im Mai schon mal hier war und dementsprechend Kontakte zu anderen, alteingesessenen Lehrerinnen (auch ägyptischen) habe, die die Situation wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Die sind nicht naiv (was die politische Situation angeht), sondern einfach viel pragmatischer. Die Schule wird beginnen, vielleicht nicht mit allen Schülern und vielleicht auch nur mit verkürzten Stunden (weil es wohl bis 15 Uhr in den Straßen ruhig ist und erst danach die Demos anfangen), aber es wird weitergehen. So ganz genau kann man ja eh nie sagen, was morgen wird. Selbst, wenn es keine Unruhen gäbe. Und so bin ich heute mit einer anderen Kollegin und deren Kindern ins Sommerhaus einer ägyptischen Kollegin eingeladen, wo wir außer im Pool planschen und schnattern noch Einstufungstests für drei Schüler konzipieren, die neu an unsere Schule kommen. Vorher übe ich mich schon mal ein bisschen in Mathe und gebe der Tochter der Kollegin ein bisschen Nachhilfeunterricht, damit sie nicht allzu doll hinterher hängt. Das ist auch in meinem Sinne, ist die Tochter doch auch in meiner Klasse, die ich auch in Mathe habe. 

Na ja, unser neuer Direktor fliegt wohl heute (ist heute Dienstag? Mein Zeitgefühl ist völlig hinüber...) auf eigene Gefahr, eine andere Kollegin wartet noch auf die Aufhebung des Ausreiseverbots. Mal sehen. Die Kollegin, die mit Mann und Baby hergekommen ist, fühlt sich scheinbar nicht so wohl. Aber was will man erwarten, wenn man sich vorher überhaupt nicht mit dem Land, in das man ausreist, informiert hat. Zwar sagen sie, sie hätten sich informiert, es macht nur nicht den Eindruck. Der Müll ist schlimm, es ist laut, die Wohnungen haben nicht den Standard wie in Deutschland etc. Dabei dachte ich, dass das Müllproblem relativ schnell klar wird, wenn man sich mit Ägypten beschäftigt. Araber sind auch in Deutschland laut und über den Standard müssen wir gar nicht reden. Ich sehe die drei noch keine zwei Jahre hier... 

Für mich wäre es grad wichtig, dass die Schule beginnt. Ich kann's kaum erwarten und würde mich sehr freuen, wenn sich alles bald normalisiert. So halbwegs zumindest.

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