Dienstag, 29. Oktober 2013

Diktate, Tränen und ägyptische Mütter

So, bevor ich mich an die Arbeit mache, muss ich doch kurz was zum heutigen Tag erzählen. Und zwar haben wir letzte Woche einen Kurztest in Geschichte geschrieben und am Sonntag ein Diktat. Heute wollte ich beides zurückgeben, aber ein Schüler hat heute Geburtstag und sich gewünscht, dass sie nicht beides gleichzeitig an einem Tag zurück bekommen. Na gu, bin ja nett manchmal...

Also gab's nur den Geschichtstest zurück. Und der fiel mit einem Durchschnitt von 2,8 auch viel besser als das Diktat aus. War aber auch viel leichter. Egal. Zwei Vieren waren trotzdem dabei. Nun muss man wissen, dass ägyptische Kinder sehr motiviert und wirklich sehr auf Einser aus sind. Das liegt vielleicht auch an den strengen Eltern, die ihre Kinder sehr darauf triezen die Besten zu sein. Ein bisschen anstrengend, wenn man mich fragt. Und egal wie fleißig Kinder sind, es wird immer welche geben, die besser und die schlechter sind. Wenn ich eine Arbeit schreibe, bei der jeder eine 1 schreibt, habe ich genauso was falsch gemacht, wie wenn alle eine 5 oder 6 haben. Aber erkläre das mal ägyptischen Eltern. Zwei Jungen kamen letzte Woche schon zu mir und erzählten mir, dass ihre Mütter gesagt hätten, wenn sie eine 3 schreiben, dann wäre das wie eine 6. Ich habe den Jungs gesagt, sie sollen ihren Müttern sagen, dass sie zum Elternsprechtag kommen, dann erkläre ich ihnen gerne das Notensystem und den Zweck dahinter. 

Jedenfalls hat ein Mädchen eine 4- geschrieben und war völlig aufgelöst. Sie hat zwar versucht es sich nicht anmerken zu lassen, aber wenn jemand in seiner Tasche kramt und dabei mit den Schultern zuckt, kann ich mir meinen Teil denken. Und wenn sie dann wieder nach oben schaut und die Augen voller Wasser stehen, weiß ich endgültig Bescheid. Meine Worte, dass der Kurztest nicht so viel von der Endnote ausmacht, hat sie da schon gar nicht mehr mitbekommen. Also habe ich sie nach der Stunde bleiben lassen und ihr erklärt, dass sie eine fleißige Schülerin ist, die immer mitmacht und sich meldet und deswegen bestimmt keine schlechte Note von mir bekommt. Da fing sie wieder an zu weinen! Dabei war ich doch ganz mitfühlend und nett! 

Ein anderer Junge, der auch bleiben sollte, weil er in der Stunde Unsinn gemacht hat, weinte ebenfalls. Und ich kann das doch nicht sehen! So große braune Kulleraugen, die mit Wasser gefüllt sind, lassen mich ja nun wirklich nicht kalt. Vor allem, weil beide sonst diejenigen sind, die am meisten lachen und grinsen. Herzschmerz!

Derselbe Junge bat mich übrigens letzten Mittwoch, den Test nicht am Donnerstag zurückzugeben, weil das eine schlechte Kombination sei: zurückgegebener Test (der vielleicht nur ne 3 wurde) und das Wochenende, das bevor steht. O-Ton: "Das ist dann ein Wochenende mit viel Geschrei von meiner Mutter und Schlägen!" Ich ganz geschockt nachgefragt, ob ich das richtig verstanden habe. "Frau W., Sie wissen nicht, wie ägyptische Mütter sind!" Eieiei...

Sonntag, 27. Oktober 2013

Mit Musik Deutsch lernen

Bevor ich mich an die Diktate mache, noch kurz die Erzählung, dass ich beschlossen habe, den Deutschunterricht meiner 7. Klasse durch Musik aufzupeppen und deren Sprache damit zu verbessern. Nachdem ich nämlich ein Lied im Geschichtsunterricht mit ihnen gehört habe und sie dabei wirklich gut mitgemacht haben, dachte ich, es ließe sich vielleicht als Ritual im Deutschunterricht einbinden. Pro Woche ein Lied - darüber wird gesprochen und danach müssen die Schüler einen kurzen Aufsatz dazu schreiben. Worum geht's? Und je nach Lied eine passende Frage aus ihrer Lebenswelt beantworten.

Gestartet habe ich das ganze letzte Woche mit Christina Stürmer:


und der Frage, was sie im Leben erreichen möchten.

Diese Woche geht es dann mit Sido weiter:


und der passenden Frage, wie ich finde, welche Bilder sie aufbewahren möchten.

Schau me mal, ob der Plan über die Musik die Sprache zu verbessern aufgeht. Schlechter können sie jedenfalls dadurch nicht werden...

Die lieben Kollegen

Nun hatte ich ja gestern eigentlich angekündet, mehr über meine Schüler zu schreiben, jetzt hat sich aber heute wieder ein Kollege so putzig geäußert, dass ich das auch loswerden möchte.

Dieser Kollege ist schon was älter (Anfang 60) und war vor seiner Tätigkeit an unserer Schule Klimaanlagenverkäufer in Dubai oder Saudi-Arabien oder...irgendwo dort in der Nähe halt. Weil er eine ägyptische Frau geehelicht hat, lebt er aber seit zwei Jahren in Alexandria und unterrichtet bei uns die älteste Klasse (8.-9.). Vorneweg: der Mann hat ein unglaubliches Allgemeinwissen und ist wirklich lieb. Aber manchmal macht sich das Alter halt doch bemerkbar.

Zum Beispiel habe ich ihm eine CD-Rom gegeben, auf der ein Geschichtslehrbuch, das Lehrerhandbuch und weitere Materialen sind. Weil mir unser aktuelles Geschichtsbuch überhaupt nicht gefällt und die Kinder die Texte nicht verstehen, suchen wir gerade ein neues für das nächste Jahr und von dem auf der CD-Rom bin ich halt so begeistert. Also habe ich ihm die CD-Rom gegeben, damit er sich das Buch mal anschaut. Es gefällt ihm nicht. Er kommt mit dem was wir haben zurecht. Ob seine Schüler die Texte in dem Buch denn verstehen würden. Naja, ging so. Aber er macht das ganz einfach so, dass er die Texte umschreibt und zusammenfasst und den Schülern das dann gibt. Ich habe ihm mittlerweile des öfteren versucht zu überzeugen, dass das dann aber kein gutes Zeichen für das Schulbuch ist, wenn der Lehrer die Texte umschreibt und es doch viel besser wäre, wenn wir ein Buch hätten, was die Kinder auch verstünden. Nun ja, wir sind auf dem Weg. Letzte Woche bat er mich noch mal zu einem Gespräch und äußerte sich nicht mehr allzu kritisch über das von mir vorgeschlagene Buch. Wohlgemerkt: ich bestehe nicht auf diesem einen Buch. Wir bestellen jetzt drei, vier verschiedene Probeausgaben und schauen dann mal, ob wir uns irgendwie einigen können. Er kann oder will das aber nicht verstehen. "Ach, das ist ja schade, das wir hier nicht einer Meinung sind!" "Es ist doch nicht schlimm, wenn wir nicht einer Meinung sind, wir können doch einen Kompromiss finden!" Hin her und hin her. Aber es wäre doch doof, wenn die Schüler kein Buch, sondern eine CD-Rom haben. Wie wir dann im Unterricht damit arbeiten wollen... Ich dachte, ich fall vom Stuhl! Lieber Kollege, das Buch ist zwar auf dieser CD-Rom, aber das gibt's schon auch in Papierform. Ich habe nur die CD-Rom, weil ich nicht zig Bücher aus Deutschland mitbringen wollte und auf der CD alles drauf ist, was ich zum zuhause arbeiten brauche. Achso, da gibt's auch ein normales Schulbuch?! Jaaaa! Ok, dann fände ich das auch nicht schlecht! al-hamduliläh!

Heute hatten wir dann eine Besprechung mit einer Frau, die für die deutschen Schulen in Ägpyten zuständig ist. Also eine deutsche Beamtin, die in Kairo lebt, aber eigentlich im Sächsischen Kultusministerium arbeitet. Die sollte uns etwas über das Deutsche Sprachdiplom erzählen, welches unsere Schüler in den nächsten Jahren machen sollen. Also, worum es dabei geht, wie die Prüfung aufgebaut ist, wer die durchführt etc. Es gibt wohl im Internet diverses offizielles Material, mit dem wir mit den Schülern üben können. Unter anderem Dialoge für den Prüfungsteil "Hörenverstehen". Die Dialoge gibt's natürlich für die Lehrer auch in Papierform ausformuliert. Wie er das denn mit der Klasse machen soll? Stelle ich mich dann hin und lese den Dialog vor? Ja genau, so müssen wir das machen - aber bitte mit verstellten Stimmen :-) Jetzt weiß er aber auch, dass es die Dialoge in Dateiform gibt und wir die mit unseren CD-/mp3-Playern abspielen können. Ich wäre ja zu gerne dabei gewesen, wenn er die Dialoge so vorgelesen hätte...

Aber nochmal: der Kollege ist sonst wirklich sehr nett und intelligent. Nur mit der modernen Technik hat er's halt nicht so.

So, und jetzt korrigiere ich weiter das erste Diktat des Jahres. Eigentlich gibt's ab 19 Fehlern eine 6, bisher hat die Klassenbeste 8 Fehler, die schlechteste Schülerin ganze 50. Ich glaube, da muss ich noch mal über den Notenschlüssel nachdenken...

Samstag, 26. Oktober 2013

Ich lebe noch :-)


Jetzt fällt mir erstmal auf, dass es wirklich schon ganz lange her ist, dass ich hier geschrieben habe. Ich würde ja behaupten, dass der Stress mich davon abgehalten hat - aber so richtig stressig empfinde ich mein Leben gar nicht. Klar, es ist viel zu tun. Unterrichtsvorbereitung, die ersten Klassenarbeiten stehen an und außerunterrichtlich ist auch ne Menge zu tun. Aber Stress ist so negativ behaftet und das könnte ich wirklich nicht sagen.

Ich kann aber mittlerweile behaupten, dass ich angekommen bin. Ich fühle mich nicht mehr so fremd, habe eine gewisse Routine bekommen (zu der Blogschreiben leider nicht unbedingt zählt) und fühle mich sehr wohl. Schlechte Momente hat ja jeder mal, aber solange die schönen Momente überwiegen, ist alles schick. Und das tun sie definitiv!

Ich war ja in den Ferien eine Woche lang untergetaucht - im wahrsten Sinne - und freue mich schon sehr auf das nächste Mal. Einfach toll! Auch wenn ich alleine unterwegs war und ich mir nicht sicher war, ob das wirklich schön ist, haben sich meine Befürchtungen nicht bewahrheitet. Die Ägypter sind alle so hilfsbereit, dass ich selbst die langen Busfahrten gut überstanden habe und vor Ort ist man durch die Tauchbasis immer unter Menschen und sozial gut aufgehoben. 

Und trotz, dass ich natürlich gerne viel länger geblieben wäre (mein Konto ist mir allerdings dankbar, dass ich wieder zurück musste), fährt man am ersten Schultag nicht ungerne in die Schule. Im Gegenteil, ich habe mich auf meine Schüler sehr gefreut. Die sind so süß! Ich muss hier trotzdem regelmäßig einige Zitate aufschreiben, damit ich das nicht alles vergesse. Manchmal hauen die Sachen raus...

Letzte Woche zum Beispiel kam ein Schüler beim Fahnengruß zu mir:

Schüler: Warum heißt es "Wie heißt du?" und nicht "Was heißt du?"
ich: Also zunächst einmal heißt es, wenn du mich fragst "Wie heißen Sie?"...
Schüler: Ja, aber wenn man fragt, wie etwas gemacht wird, dann heißt es auch "Wie machst du das?" Warum benutzt man bei beiden dasselbe Fragewort, obwohl es doch um zwei völlig verschiedene Sachen geht?! Ich versteh das nicht!

Zugegeben, er hat es nicht wortwörtlich so gesagt, so dass ich einige Mühe hatte, ihn zu verstehen (bzw. seine eigentliche Frage) und so haben wir das Problem auf die Stunde nach dem Fahnengruß verschoben.

Im Klassenzimmer wurde mir dann langsam, unter Mithilfe seiner Mitschüler, klar, was er eigentlich meint. Zusätzlich erklärte er mir, dass das im Arabischen viel leichter wäre, da hieße es doch auch "Was heißt du?". 

"Frau W., die Deutschen machen das ganz falsch!"

Nun kann ich nicht sagen, dass wir das falsch machen, aber so ganz unrecht hat er nicht. Deutsch ist schon nicht so einfach. Grammatikalisch ist Arabisch tatsächlich viel einfacher aufgebaut. Aber das kann ich leider auch nicht ändern. Der Schüler war dabei aber so süß empört, dass ich die ganze Zeit nur grinsen musste. 

Überhaupt grinse ich viel im Unterricht, weil die Schüler - auch wenn sie typisch ägyptisch sehr sehr lebhaft sind - sehr fleißig sind und sich über kaum etwas beschweren. 

Wir haben ein Probediktat geschrieben, weil morgen das richtige Diktat ansteht. Das fiel nun gar nicht gut aus, obwohl ich in meinem Leben noch nie so deutlich gesprochen habe. Und weil ich noch was für die andere Klasse vorbereiten musste und dafür Zeit gebraucht habe, haben die Schüler die Aufgabe bekommen, das Diktat noch mal richtig abzuschreiben. Ich entschuldigte mich gleichzeitig, dass ich wüsste, dass die Aufgabe nicht sehr spannend wäre, aber man auch beim Abschreiben lernen kann. Da guckt mich ein Schüler freudestrahlend an und sagt "Nein, das ist doch ne tolle Aufgabe!" Nun ja... Geschmäcker sind verschieden :-)

Im nachfolgenden Geschichtsunterricht habe ich der 7. Klasse versucht zu erklären, was es mit der Redewendungen "Er bricht mit Traditionen" auf sich hat.

Also liebe Kinder, Traditionen sind Dinge, die man immer wieder auf eine bestimmte Art macht, ohne dass das irgendwie festgeschrieben sein muss. Dass es Weihnachten ganz oft Ente zu Essen gibt, ist so eine Tradition zum Beispiel. - Fragezeichen in den Augen - Okay, ich versuche es euch anders zu erklären. Wenn Frau H. und ich nach Hause kommen, läuft das jeden Tag gleich ab. Sie gibt dem Kater Futter, während ich Kaffee koche. Das machen wir jeden Tag, ohne Ausnahme. Das ist unsere Tradition. Wenn jetzt Frau H. heute duschen geht, statt den Kater zu füttern, dann bricht sie mit der Tradition. - Achsoooo! Ich freue mich schon auf den Geschichtstest, wenn ich da nachlesen kann, dass Frau H. mit der Tradition bricht, weil sie duschen geht...

Ja, und so kann man vielleicht nachvollziehen, warum ich nicht ungerne zur Schule gehe. 

Für heute habe ich aber auch wieder genug gearbeitet und da freue ich mich doch sehr auf den Wein, den es gleich bei Frau H. gibt :-)