In Ägypten ist es üblich, dass die Mietshäuser eine Bawwab haben. Das ist ein Mann, der den ganzen Tag vorm Haus sitzt, die Miete bekommt, aufpasst, wer rein und raus geht, auch mal hilft die Einkäufe hochzutragen und ab und an Bakschisch für kleine Gefälligkeiten bekommt. So jemanden hat mein Haus (leider?) nicht. Dafür haben wir eine Art Hauswart, der eigentlich immer irgendwo in der Nähe ist und sich auch um alles kümmert - von der Strandkarte bis zu Reparaturen. Geld bekommt er dafür von uns Mietern nicht, dafür ist er aber sehr neugierig und quatscht einen zu, während er Dinge in der Wohnung repariert. Nun gut. Gestern war er zweimal da, um die Toilettenspülungen und Wasserhähne in Gang zu setzen (yeah, ich habe momentan zwei funktionierende Bäder :-)). Anschließend saßen wir auf dem Balkon, um noch eine zu rauchen, bevor ich ihn dann quasi rausschmeißen musste.
Vorher allerdings unterhielten wir uns über alles mögliche bis der Muezzin anfing zu rufen. Da fing er an, mir die Gebetszeiten aufzuzählen mit der anschließenden Beteuerung, dass in Alex alle Religionen friedlich nebeneinander leben könnten. Und es kam wie's kommen musste: die Frage nach meiner Religionszugehörigkeit! Mist, sowas wollte ich doch vermeiden! Hätte er mich nun gefragt, ob ich Christ sei, hätte ich vielleicht noch stumm nicken können, hat er aber nicht. Sondern er fragte direkt, ob ich katholisch oder protestantisch sei und da konnte ich vor lauter Schreck nur, keins von beiden, rausbekommen. Er hat mich angesehen wie ein Auto. In dem Moment war mir natürlich klar, dass diese Antwort nicht allzu günstig war und hab ihm versichert, dass ich überhaupt kein Problem mit irgendeiner Religion hätte und ich nur konfessionslos bin, weil ich ungläubige Eltern habe (an dieser Stelle: Entschuldigung, Mutti und Vati, aber irgendwer muss ja schuld sein :-)). Nun ja, jetzt weiß wahrscheinlich ganz Agami, wo die ungläubige Hexe wohnt, denn unser Hauswart ist ein altes Tratschweib (wie fast alle Ägypter, so wurde mir erzählt). Ich bin mal gespannt, ob das irgendwelche nennenswerten Folgen für mich hat...
zur Erklärung für die, die's nicht wissen: im Islam ist es völlig unverstellbar und ganz schlimm, wenn jemand nicht an Gott glaubt. Die Buchreligionen (Christentum, Judentum, Islam) werden anerkannt, alles andere geht nicht. Wobei ich mich ernsthaft frage, ob's wirklich besser gewesen wäre, ich wäre Jüdin. Kann ich mir auch nicht vorstellen. Mein ursprünglicher Plan lautete ja nun, einfach zu sagen, ich bin keine Muslima, weil "die" dann davon ausgehen, dass man Christin ist. Das wäre so ein Mittelding zwischen Wahrheit und Falschverstanden für mich gewesen. Aber nun gut, jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen...
Vorletzte Nacht wurde ich übrigens von Schüssen geweckt. Verschlafen habe ich überlegt, ob's immernoch Feuerwerke von den Ramadanfeierlichkeiten sind (die eigentlich vorbei sein sollten) oder ob doch der Bürgerkrieg ausbricht. Morgens habe ich direkt in die Zeitungen geschaut, ob irgendwas passiert ist, konnte aber nichts finden. Der Hauswart erklärte mir jedoch, dass bei Hochzeiten oder anderen Feiern gerne in die Luft geschossen wird, da solle ich mir keine Gedanken machen. Komische Sitten... Heute Nacht habe ich die Schüsse wiedergehört und konnte gleich beruhigt weiterschlafen. Fragt sich nur, ob ich freudige Schüsse von gefährlichen Schüssen unterscheiden könnte. Aber ich hoffe einfach, dass ich zweitere nie hören muss.
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