So langsam aber sicher, scheint sich die Lage zu beruhigen. So zumindest mein Eindruck. Nachdem wir vorige Woche den "Freitag der Wut" hinter uns gebracht haben, stand heute der "Freitag der Märtyrer" an. In Agami ist davon nichts zu merken. Außer dass der Muezzin heute Mittag nicht wie sonst nur 10 Minuten zu hören war, sondern ganze zwei Stunden. Diese waren, zugegeben, nicht ganz stressfrei für mich. Irgendwann zehrt das - bei aller vorhandenen Toleranz - doch an den Nerven. Ich rechne momentan damit, dass er sich auch heute Abend mehr Zeit als sonst lässt. Das Schlimme für mich ist, neben der unglaublichen Lautstärke, das Nicht-Verstehen des Gesagten. Denn Gebet und Aufruf kann man auch ohne Sprachkenntnisse auseinanderhalten und das heute Mittag war kein Gebet. Die Frage ist nur, wozu ruft er auf? Zur Besonnenheit und Friede? Oder zum Märtyrertod und Aufstand? Arabisch klingt ja für mich immer ein wenig aggressiv, auch wenn sich das mit jedem neu erlernten Wort relativiert.
Apropos Lernen der Sprache: Hier hat eine Kollegin, die bereits zwei Jahre in Alex ist, eine Chance aufgetan, gut und günstig ägyptisch-arabisch zu lernen. Bisher war mir mein Vorgehen noch nicht so ganz klar, weil die Möglichkeiten ja doch begrenzt sind. Bisher gab's davon genau zwei: 1. Sprachschule in Alex. Heißt, englische Unterrichtssprache, höhere Organisation und Kosten der Fahrten zwischen Schule - Sprachschule - Wohnung. Beides nur begrenzt reizvoll. 2. Sprachkurs via Skype. Es gibt eine Schweizerin, die so etwas anbietet. Vorteil: Privatunterricht via face to face. Nachteil: die Kosten (ich glaube, 100 Euro für 4 Kurse im Monat). Außerdem hat sie selbst in Luxor die Sprache gelernt und dort spricht man einen anderen Dialekt als hier im Norden. Ist dann wahrscheinlich so, als würde ich als nicht-deutschsprechender Mensch bayrisch lernen. Bringt mir in Berlin nicht so viel, auch wenn man mich bestimmt versteht. Nun gibt es aber eine deutschsprechende Arabischlehrerin, die bis zum letzten Schuljahr an unserer Schule unterrichtet hat und dann entlassen wurde. Glaubt man den Aussagen der anderen Kolleginnen, lag das nicht an ihrer Unfähigkeit. Jedenfalls wäre sie bereit nach Agami zu kommen und uns Privatunterricht zu geben. Den Vorschlag des Gatten einer ebenfalls neuangekommenen Kollegin, man könne sich doch als Gruppe zusammentun, habe ich freundlich aber bestimmt abgelehnt. Ich war und bin eine schlechte Schülerin, erst recht, wenn es um Sprachen geht. Da brauche ich jemanden für mich alleine. Jemanden, der meine Vorkenntnisse berücksichtigen kann und auf mein Unverständnis für Neuerlerntes eingeht. Hinzu kommt, dass wir alle einen anderen Wissenstand haben, im Zweifelsfall also wieder bei Null anfangen müssten. Jedenfalls liegt die Kostenprognose bei 50 Pfund pro Stunde. Bei zwei Stunden pro Woche (ja, ich bin da sehr optimistisch ;-)) wären das umgerechnet plus/minus 40 Euro. Je nach Kurs könnten's auch 45 Euro sein. Im Vergleich zum Skypekurs eine deutliche Verbesserung. Nun brenne ich darauf, endlich loszulegen und muss morgen direkt mal die Kollegin fragen, ob sie das endgültig terminieren kann.
Sonst müsste ich das Angebot des Hauswartes annehmen, der gestern bei mir war. Nach der Saison, so versicherte er mir, würde er mir das auch beibringen. Mafish mushkila. Leider spricht er nur ein gebrochenes Englisch und mitunter bin ich froh, doch das ein oder andere Wort Arabisch zu verstehen, wenn er das in seine englischen Ausführungen einstreut. Nur zur Sicherheit habe ich auf seine Nachfrage auch erläutert, dass ich einen Freund in Deutschland habe...
Und als Beweis, dass es mir hier wirklich super geht, ein paar Bilder, wo ich in den letzten Tagen so meine Zeit verbracht habe:
| bei einem Kollegen der anderen deutschen Schule |
| Terasse einer Kollegin |
| im Sommerhaus an der Nordküste einer ägyptischen Kollegin |
Ich glaube, man kann sehen, dass es hier schön und friedlich ist. Bei dem Kollegen mit dem Pool auf dem oberen Bild waren wir in den letzten Tagen öfter eingeladen. Dort treffen sich die Neuankömmlinge und beraten über die jeweils aktuelle Situation und tauschen sich über die Neuheiten ihrer beiden Schulen aus. Vorgestern war große Grillparty, zu der ich mich an einem schwäbischen Kartoffelsalat (dessen Zutaten hier am einfachsten zu besorgen waren) versucht habe. Schön hat er nicht ausgesehen, aber es wurde mir versichter, er schmeckt sehr gut. Da bin ich ja beruhigt ;-)
Auf der Terasse der Kollegin sitze ich fast jeden Tag auf einen Kaffee und lasse mir Tipps und Tricks geben und höre nebenbei Anekdoten aus zwei Jahren Aufenthalt in Ägypten sowie Arbeiten an meiner Schule an. Es gibt Schlimmeres. Nebenbei lerne ich zwei künftige Schüler (ihre Kinder) kennen und durfte mir schon die Bitte der Tochter anhören, die in meiner Klasse sein wird: Bitte sei streng bei uns! Na mal sehen, ob ich das schaffe!
Und im Sommerhaus waren wir über Nacht eingeladen. Das liegt ein bisschen außerhalb von Alex, auch direkt am Meer und war sehr schön. So schön, dass wir es vor Schulbeginn noch einmal wiederholen möchten. Abends Shisha rauchen am Strand, morgens mit den Füßen im Pool den ersten Kaffee und die erste Zigarette genießen.
Im Übrigen werde ich mir Anfang September noch andere Wohnungen ansehen. Einfach so. Ich hätte gerne die Wahl - und auch eine schöne Terasse. Am liebsten einen Pool. Aber zweiteres wird wohl ein Traum bleiben. Zu einem Pool gehört ein Haus und darauf folgen zwingend: eine Putzfrau, ein Poolboy, ein Gärtner, ein Hauswächter (Bawwab), die zwar alle nicht die Welt kosten, aber halt doch nicht umsonst arbeiten. Mein Hauswart meinte gestern, so ein Haus kostet im Schnitt 7000 Pfund (700-750 Euro). Für europäische Verhältnisse immer noch ein Schnäppchen, aber ich bin ja nicht hier, um mein verdientes Geld in Miete zu investieren. Leider. Schön wär's schon!
So, und übermorgen geht's dann auch endlich los mit der Schule und dem Geldverdienen. Insha'allah! Unser Direktor ist da und bis zum Schulbeginn, der auf den 9.9. verschoben wurde, sollen auch die noch fehlenden 2 Kolleginnen hier sein. Aber ich hoffe, dass ich am Sonntag bei der Konferenz schon ein paar Eckdaten erfahre, wie sich die zwei Wochen bis zum Schulbeginn gestalten. Sollen wir jeden Tag in die Schule? Bekomme ich endlich die Bücher und kann konkret was vorbereiten? Sitzen wir die Zeit einfach ab? Fragen über Fragen, die hoffentlich bald beantwortet sind.
(ich könnte gefühlt noch eine Ewigkeit weiter schreiben, aber ich will ja nicht, dass es hier überhand nimmt ;-) Zumal ich mit den meisten Lesern ja doch im Mail- bzw. Skypekontakt stehe)
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