Puh…die ersten zwei (mit Elternsprechtag drei) Tage sind rum
und ich weiß jetzt schon nicht wo mir der Kopf steht. Ich hoffe momentan sehr,
dass es nur eine Frage der Gewohnheit und Routine ist und ich in ein paar
Wochen meinen Rhythmus gefunden habe.
Momentan kann ich meiner Planungs- und Organisierungswut
kaum gerecht werden. Zum Einen läuft’s in der Schule wirklich sehr chaotisch
ab. Der neue Direktor entwickelt langsam Galgenhumor und ich versuche
wenigstens die Stunden halbwegs zu planen. Es ist aber auch wirklich ungewohnt,
mit was man sich als Klassenlehrer alles beschäftigen muss und erstaunlich, wie
viel Zeit das in Anspruch nimmt. Da gibt man Schülern schon mal ne Stillarbeit,
einfach weil man zehn Minuten braucht, um das Klassenbuch auszufüllen. Bisher
habe ich weder das Geschichtsbuch von der einen noch von der anderen Klasse.
Bei dem einen ist es nur ein organisatorischer Fehler der Verwaltung, dass ich
keins bekommen habe, beim anderen warte ich noch auf die redigierte Vorlage,
nach der ich dann die Bücher von meiner Klasse bearbeiten darf. Bilder
ausschneiden, Texte schwärzen, ganze Seiten austrennen. Und warum? Weil in dem
Buch ein Bild von Mohamed ist (was im Islam verboten ist) oder im Text steht,
dass Mohamed sich von anderen Religionen hat beeindrucken lassen. Der Witz des
ganzen ist, dass man das ganze schon letztes Jahr gemacht hat und keiner weiß,
warum diese Bücher noch einmal bestellt wurden. Am Ende hat der Direktor
beschlossen, dass das Thema überhaupt nicht behandelt wird, was aber an dem
Schneiden, Kleben, Schwärzen des Buches nichts ändert. Es gab wohl einen
Direktor in Kairo, der wegen so etwas Einreiseverbot und ein ewig langes
Gerichtsverfahren hatte. Es gibt Dinge, die einem schwer fallen, zu begreifen…
Zum Anderen habe ich immer noch nicht alles so eingerichtet,
wie ich das gerne hätte. Der Umzug an sich lief zum Glück super und seitdem ist
eigentlich immer zu was anderes. Da glaubt man, heute Nachmittag schafft man
ein paar Stunden was und dann kommt doch alles anders. Aber am Wochenende MUSS
ich mit der Wohnung fertig werden und vor allem die Stunden für die kommende
Woche planen. Unter der Woche gestaltet sich das sehr schwierig. Vor allem,
weil am Mittwoch auch mein Arabischunterricht beginnt und die freie Zeit dann
noch übersichtlicher wird. Aber ich möchte nach wie vor die Sprache lernen, tu’s
ja quasi nebenbei schon (meine Nachbarin bringt mir jeden Tag ein Tier bei,
z.B.), aber eben geordnet.
Letzten Freitag durfte ich dann auch erleben, wie es sich
anfühlt, während einer Demonstration in der Stadt zu leben. Gesehen haben wir
nichts, aber gehört ziemlich viel. War ein bisschen unheimlich. Erst ein Mann,
der durch Lautsprecher zu irgendetwas aufgerufen hat und dann Menschenmassen
die zurück geschrien haben. In unserer Seitenstraße (eine Querstraße von der
Strandpromenade, wo der Demonstrationszug entlangzog) rannten plötzlich viele
Männer, woraufhin mir meine Nachbarin erklärte, dass die zum Eingang der
Seitenstraße rennen und diese sperren, damit der Demonstrationszug nicht rein
kommt. Im Nachhinein habe ich gehört (und gelesen), dass auch das Militär da
war und mit Tränengas geschossen hat. Laut Zeitungsbericht gab es einen Toten.
Um mich muss man sich deswegen aber keine Sorgen machen. Solange die Gefahr
solcher Aktionen besteht, bleiben wir Freitags in den Wohnungen. Gegen
Anschläge ist man ja sowieso nicht geschützt, die können überall passieren,
aber wenn die Muslimbrüder immer Freitag auf die Straße gehen, muss man ja
nicht unbedingt an der Strandpromenade spazieren gehen…
Nichtsdestotrotz freue ich mich, dass die Schule endlich
begonnen hat. Die Schüler sind auch sehr nett und wirklich diszipliniert. Ich
hoffe, dass ich das nicht kaputt mache. Ein Beispiel: Es klingelt zur Pause –
und typisch, Lehrer, es fällt mir noch etwas ein, was ich sagen möchte – und die
Kinder setzen sich sofort wieder hin und sind ruhig! In meiner alten Schule
hätte das niemanden mehr interessiert.
Na mal sehen, wie das alles weitergeht hier. Kurz und knapp:
Mir geht’s super, bin dabei ein bisschen planlos, aber guter Dinge J
PS: Am WE gibt’s vielleicht Bilder von meiner neuen Wohnung.
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