Freitag, 17. Januar 2014

Das erste Halbjahr geht zu Ende

Noch eine Woche Schule, dann sind schon wieder Ferien. Leider verbringe ich die diesmal zuhause. Naja, "leider" stimmt nicht ganz. Davon mal abgesehen, dass Wegfahren und evtl. noch Tauchen gutes Geld kostet, ist mir momentan gar nicht danach. Nun dachte ich, okay, dann nutze ich diese Woche um mal ein  paar Sachen aufzuarbeiten bzw. vorzubereiten, aber momentan habe ich das Gefühl, dass es gar nicht mehr so viel Liegengebliebenes gibt und durch meine Arbeit in den Weihnachtsferien auch die Zukunft halbwegs vernünftig geplant ist. Na mal sehen, wie die Woche dann tatsächlich wird. Im Zweifel schlafen, lesen, essen. Gibt ja Schlimmeres. 

Was gibt's Neues?

Aus meiner Klassenfahrt mit der 6.-8. Klasse nach Wien wird's jetzt nichts. Die 7. und 8. Klässler wollen nicht mit, weil die 6. dabei ist. Nun fahre ich halt mit der 6. Klasse alleine. Und weil ein Mädchen nicht mitkann, weil es für die Mutter zu teuer ist, ein anderes nicht mitdarf, weil die Eltern Salafisten sind und Europa dem armen Kind ja schaden könnte und ein drittes Mädchen nicht mitkann, weil die kleine Schwester gerade sehr krank ist und das die Eltern Unmengen Krankenhausgeld kostet (was sie aber nicht weiß), fahren wir nur mit 10 Schülern. Eigentlich finde ich das gar nicht so schlecht, weil die 6. Klässler wirklich pflegeleicht sind. Lebhaft ja, aber am Ende hören sie dann doch (was über die 7. Klasse nicht unbedingt gesagt werden kann). Nun warte ich noch auf zwei Unterschriften von Eltern und dann kann gebucht werden. 

Dann, und das hört sich jetzt fast gemein an, hat eine Kollegin gekündigt, worüber ich mehr sehr sehr sehr freue. Ich versuche ihr gegenüber nicht allzu breit zu grinsen... Ich ertrage weder sie, noch ihren Sohn, der in meiner 7. Klasse ist. Mir ist schon klar, dass man nicht alle Kollegen gern haben kann und normalerweise ignoriert man sich dann eben. Aber bei einem so kleinen Kollequium ist ignorieren schwer und so hatte ich in letzter Zeit häufig "Bauchweh" bei dem Gedanken daran, dass man mit ihr arbeiten muss. Auf der anderen Seite freue ich mich tatsächlich für sie und hätte nicht gedacht, dass sie das wirklich durchzieht. Bisher hat sie immer nur gejammert - wenig Geld, zu viel Arbeit. Und das mag ich überhaupt nicht. Dann muss man etwas ändern. Ihr Standartspruch war allerdings "Ich weiß, es ist ein Problem, aber ich kann es nicht ändern." Schlimm für mich, so etwas zu hören. Jetzt hat sie eine neue Stelle, an einer anderen Schule in Alex und ich drücke ihr die Daumen, dass sie dort mehr Geld bekommt und weniger Arbeit hat. Ich persönlich glaube es noch nicht, aber es geschehen ja noch Zeichen und Wunder. Mir soll's egal sein.

Meine ersten Zeugnisse! Kaum fertig mit dem Ref und jetzt muss man Zeugnisse schreiben. Und mit schreiben meine ich wirklich schreiben. Keine Vordrucke auf dem PC, die dann einfach ausgedruckt werden (warum das nicht geht, ist mir nach wie vor ein Rätsel) und der Anweisung vom Chef in unserer "Sonntagsschrift" zu schreiben. Ich und Sonntagsschrift. Nun gut, ich habe mir Mühe gegeben, besser kann ich's einfach nicht. Das Problem hätte ich in Deutschland übrigens nicht. Da wäre ich mit zwei Nebenfächern nie Klassenlehrerin geworden und müsste nur die Fachnoten weiterreichen. Jetzt darf ich mir am Donnerstag tatsächlich die Gesichter ansehen, wenn sie ihre Zeugnisse bekommen. Und weil die Eltern ja kein bzw. kaum deutsch sprechen, muss man mit jedem Kind die Zeugnisbemerkungen besprechen, damit das Kind es seinen Eltern erklären kann. Einem Schüler habe ich z.B. auf das Zeugnis geschrieben, dass er ein kritisch denkender Schüler ist. Ein absolutes Lob, vor allem, weil die meisten ägyptischen Kinder gar nicht wissen, wie das geht. Aber ich befürchte, die Eltern lesen nur etwas von kritisch und stehen direkt bei mir auf der Matte. 

Nun ja, viel mehr Sorgen macht mir aber meine 7. Klasse. Es sind nur 7 Schüler/innen, aber die haben's in sich. Die Zeugnisse machen das sehr deutlich. Vier von ihnen sind versetzungsgefährdet. Vier von sieben! Die Durchschnittsnoten belaufen sich zwischen 1,3 und 3,9! Spitzenreiter ist ein Schüler, der sage und schreibe 6 Fünfen hat! Wohlgemerkt waren die Eltern noch nie bei mir. Genau genommen kennt keine der Kolleginnen seine Eltern. Die Einzige, die sie mal gesehen hat, ist die ägyptische Schulleiterin - am Tag der Einschulung.

Und das könnte im nächsten Schuljahr noch schlimmer werden. Die jetzige 8. Klasse besteht aktuell aus vier Schülern. Einer davon verlässt zum Ende des Jahres die Schule, weil die Eltern nach Deutschland ziehen. Bei einem anderen Schüler findet am Sonntag ein Elterngespräch statt, weil es Gerüchte gibt, dass auch er die Schule verlässt. Blieben noch zwei. Wenn das tatsächlich so ist, werden die 7. und 8. Klasse zusammengelegt. Einer von den beiden 8. Klässlern hat aber im Probedurchlauf für das deutsche Sprachdiplom die Anforderungen nicht geschafft. Nach acht Jahren deutsche Schule. Wohlgemerkt ist das Sprachdiplom für Kinder, die vier Stunden Deutschunterricht pro Woche haben - für die Deutsch also wirklich eine Fremdsprache ist. Nicht für Schüler, die seit acht Jahren ihren kompletten Unterricht auf Deutsch haben. Ich hab das mal ausgerechnet. Die Zielgruppe für das Sprachdiplom hat 600-800 Stunden Deutschunterricht hinter sich. Der Deutschunterricht für unsere Schüler umfasst bis zur Prüfung allerdings mehr als 2000 Stunden. Da ist der deutschsprachige Mathe-, Erdkunde-, Geschichts-, Biologie-, Physik- und Chemieunterricht noch nicht mit eingerechnet. Wie soll man denn da unterrichten? Naja, kommt Zeit, kommt Rat.

Und zum Schluss. Ich hatte am Donnerstag mein Mitarbeitergespräch, was sehr lustig ist, weil der Direktor gleich meinte, wir bräuchten ja nicht so lange, weil wir eh mindestens einmal die Woche zusammensitzen und über alles Mögliche reden. Lob Lob Lob. Hab ich mich natürlich gefreut. Ich durfte meine Wünsche äußern, welche Klassen und  Fächer ich im nächsten Schuljahr unterrichten möchte. Ist allerdings wie beim Weihnachtsmann, ob diese Wünsche dann tatsächlich erfüllt werden, steht in den Sternen. Aber höchstwahrscheinlich wird Ethik eingeführt, das bekomme ich auf jeden Fall. Und wahrscheinlich mehr Geschichte. Und wieder zwei Klassenleitungen. Wie das mit den Stunden dann funktionieren soll, weiß ich aber auch noch nicht. Vor allem, weil ich mir mindestens eine Klasse in Mathe gewünscht habe. Das mache ich wirklich sehr gerne. Die Vorbereitung geht flott und das Korrigieren noch viel schneller. Richtig oder falsch? Fertig! Auch hier heißt es Abwarten.

Jetzt bringen wir erstmal die letzte Woche hinter uns und dann geht's in die zweite Runde.

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